Bodily Integrity: Seminar Report

INTEGRITÄT DES KÖRPERS – L’INTÉGRITÉ CORPORELLE

International Workshop, 9-10 Sept 2013

Universität Zürich

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BERICHT

Die Frage nach zulässiger oder unzulässiger Kleidung im öffentlichen Raum, die Debatte um die Beschneidung aus religiösen Gründen, die Praxis des Austauschs und der Zirkulation von Organen und Körperteilen, die Gestaltung des Körpers als Repräsentation des eigenen Lebensentwurfes, die Verbindung zwischen Körper und Person kristallisieren sich als wichtige aktuelle Themen im öffentlich-medialen und politischen Raum heraus. In den akademischen Disziplinen, in denen die Reflexion und der Umgang mit dem Körper eine zentrale Rolle spielen, werden diese Herausforderungen aufgenommen und bearbeitet.

Das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik, die Schweizerische Gesellschaft für biomedizinische Ethik und das internationale Netzwerk «Commun(icat)ing Bodies. The Body and Religion Research Project» (communicating-bodies.net) haben diesem Thema einen Workshop gewidmet, an dem rund 30 Personen aus verschiedenen Bereichen teilgenommen haben. Theologie, Philosophie, Religionswissenschaft, Gender Studies, Rechtswissenschaft, Psychologie, Medizin, Ethnologie, Kunstgeschichte und Kunst wurden von Fachleuten aus Universität und Praxis vertreten. In einer entspannten und konstruktiven Arbeitsatmosphäre wurde in diesem internationalen Workshop der Begriff der Körperintegrität diskutiert, problematisiert und weitergeführt. Die Diskussion wurde durch fünf thematisch spezifische Einheiten strukturiert, die jeweils mit einem Referat von 30 Minuten und zwei Responses eingeführt wurden.

Diese Initiative der VeranstalterInnen zum Workshop wurde auch durch die Unterstützung der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und der Schweizerischen Akademie der Geistes und Sozialwissenschaften unterstützt.

I KONZEPTE DER INTEGRITÄT DES KÖRPERS

In der ersten Einheit «Konzepte der Integrität des Körpers» standen philosophische, theologische und medizinische Reflexionen im Zentrum. Es ging darum, grundlegende Konzepte zu diskutieren sowie eine erste gemeinsame Basis des Nachdenkens zu benennen. Simone Romagnolis Beitrag «La notion d’intégrité entre anthropologie et éthique» lieferte eine erste, philosophisch verankerte Definition des Schlüsselbegriffes. Nach dieser Arbeitsdefinition sei Integrität als «l’état (comme orme d’équilibre stable où métastable) d’une chose dont les parties (éléments corporels, narratifs, axiologiques, picturaux, iconographiques, etc.) sont organisées en une totalité, voire une unité intrinsèque ou significative» zu erfassen. Integrität ist demnach als dynamisches Konzept zu denken, als eine Arbeit des Subjektes, das seine Integrität angesichts der ständigen Veränderungen des Lebens immer wieder neu verhandeln muss und durch eine «travail d’organisation» wiederherstellt.

Die theologische Perspektive, die Wolfgang Müller einbrachte, schloss an dieser Dynamik des Begriffes an. Ausgehend von der Spannung zwischen Körper und Leib betonte er die Dialektik, die die Leiblichkeit des als Geschöpf verstandenen Menschen mitimpliziert: Leiblichkeit verweist auf Grenzerfahrungen des Menschen im Leben, die seine Integrität in Frage stellt und mit dem Motiv der Vergänglichkeit eng gekoppelt ist. Leiblichkeit ist mit der Relationalität des Seins verbunden. Zentral in seiner Argumentation ist die Rolle der rituellen Geste als ästhetische Interpretation von Leiblichkeit. Des Weitern betont er die tiefe Verankerung dieser Begrifflichkeit im jüdisch-christlichen Weltbild, was aus einer generalisierenden, globalen Perspektive immer mitberücksichtig werden sollte.

Mark Mäder ging an das Thema aus der Perspektive des Mediziners heran. Dabei schlug er eine Definition im Horizont der Krankheitserfahrung vor. Dabei wird Krankheit als eine gestörte Integrität des Körpers definiert, wobei dies als Prozess und nicht als statischer Zustand verstanden werden muss. Ausgehend von konkreten Krankheitssituationen hob er unterschiedliche Diskurse hervor, die um das Konzept von Integrität in der Praxis kreisen: Von der Perspektive des Versicherungswesen bis hin zur Subjektivität des Arztes und der Patienten eröffnet sich ein breites Spektrum von Konzepten und Weltbildern, die nicht selten als inkompatibel untereinander erscheinen.

II NORMATIVE DISKURSE UM DIE INTEGRITÄT DES KÖRPERS

In der zweiten Einheit lag der Fokus auf der normativen Leistung und mögliche Bedeutung von Körperintegrität. Die Philosophin Nathalie Maillard erkundigte in «Le principe d’intégrité corporelle: une approche normative» die normativen Valenzen von Integrität im Kontext der europäischen bioethischen Debatte, die Integrität neben Autonomie, Würde und Vulnerabilität als eines von vier bioethischen Prinzipien vorschlägt. Folgende wesentliche Unterscheidung wird eingeführt: die Integrität angesichts der Person (die Möglichkeit eines Individuum über seinen Körper zu bestimmen) und Integrität angesichts des Körpers (Körper als anatomische und/oder funktionale Einheit, intakter Charakter des Körpers gegenüber einer bestimmten Norm). Nach dem zweiten Konzept wird «L’intégrité corporelle comme principe éthique (distinct du respect de l’autonomie de la personne sur son corps) demande le respect de l’inviolabilité du corps ainsi que le respect du corps comme totalité organique ou fonctionnelle, ou encore comme totalité vécue. L’intégrité est pensée ici comme une valeur en soi, qui doit être préservée ou restaurée». Die Analyse konkreter Anwendungsfelder zeigt die Spannungen, die mit den zwei Deutungen verbunden sind sowie Leistungen und Grenzen dieses Konzeptes in ethischer Perspektive.

Der Mediziner Hermann Amstad setzte den Begriff in Verbindung mit weiteren bioethischen Prinzipien wie etwa die Fürsorge und das Gebot, keinen Schaden zuzufügen. In seinem Statement wurde die Gefährdung von Körperidentität aus normativer Sicht mit Körperverletzungen in Verbindung gebracht und debattiert.

Richard Amesbury führte die Debatte um Normativität mit einer kulturwissenschaftlichen Perspektive weiter. Die Frage nach der Körperintegrität wurde mit der Betrachtung des Körpers als ein soziokulturelles, historisch gewordenes Ganzes verbunden. Damit einher gehend betonte er die Notwendigkeit, die Körperintegrität im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext einzubetten, um Naturalisierungsprozessen entgegenzuwirken.

III REPRÄSENTATION VON INTEGRITÄT IM SPIEGEL DER VERLETZLICHKEIT DES KÖRPERS

Integrität wurde in der dritten Einheit in ein Verhältnis zu Körperbildern gesetzt. Damit wurden einige Linien der vorangehenden Diskussionen wieder aufgenommen:

  • die subjektive Variabilität von Körperbildern, die zu unterschiedliche Konzeptionen von Integrität führen, kontrastiert mit der Notwendigkeit, geteilte Konzepte auf der normativen Ebene zur Verfügung zu haben;

  • die unscharfe, problematische Abgrenzung der Konzepte von Integrität, Identität und Personalität;

  • die Rolle der Kategorie des «Wohlbefindens» als Kriterium einer widerhergestellten Integrität im Heilungsprozess.

In der Betrachtung der Kunst sowie der Kunst- und Ethnologiegeschichte kann das Thema der Integrität am Besten in der Darstellung von Grenzbereichen und in der Auseinandersetzung mit der Verletzlichkeit des Körpers diskutiert werden. Nika Spalinger problematisierte mit «Corporeal Identiy» das Bild des Körpers anhand visueller Darstellungen von Humanoiden in der TV-Serie Real Humans sowie mit anderen expressiven und exzessiven Bildern aus unterschiedlichen Bereichen wie etwa Werbung, die die Verletzlichkeit des Körpers thematisieren. Dabei spielten die Leistung von Körperbildern als Interpretationen des Körpers, die Frage nach der Abhängigkeit des Körpers von Technologie und Maschinen und die Vergänglichkeitsthematik eine zentrale Rolle. Paola von Wyss-Giacosa zeigte mit Bildern von indischen Asketen und deren Praktiken die Verletzlichkeit des Körpers als eine Notwendigkeit zugunsten einer intakten kollektiven Identität. Die diachrone Darstellungen eines Rituals, in dem Menschen mit befestigten Hacken im Rücken Schmerzen ertragen, spannte einen Bogen von Kupferstichen bis hin zur zeitgenössischen Pressefotographie, von Indien nach Europa, von Integrität zu Identität.

IV INTEGRITÄT DES KÖRPERS UND PROZESSE DER IDENTITÄT

Interessant wird die Frage nach der Integrität des Körpers und der Person auch, wenn diese aufgrund von Konflikten von Zugehörigkeitsprozessen gelesen wird. In der vierten Einheit standen deshalb unterschiedliche Konzepte von Identität auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene sowie die Interaktionen dieser mit Körpervorstellungen und -praktiken im Zentrum. Als Verbindung zu den anderen Einheiten wurde wiederum die Prozesshaftigkeit von Integrität betont und damit verbunden die Spannung von Integrität und Identität als Ideale des Körpers und deren Brüchigkeit in der Lebenspraxis. Cynthia Kraus analysierte die Verbindung von Körperidentität und Genderidentität im Kontext von Intersexualität. Körper, Integrität und Identität wurden dabei in ein zu problematisierendes Triangulationsverhältnis gesetzt. Mit dem Grundrecht des Individuums, autonom über seine Integrität zu bestimmen, wurde die Differenz von erhaltenem und erlebtem Körper als Kernunterscheidungen erläutert. Im Hintergrund standen die Richtlinien der Nationalen Ethikkommission (NEK-CNE) in Bezug auf die Varianten der sexuellen Entwicklung von 2012, die aus einer Gender Studies-Perspektive kritisch analysiert wurden. In diesem Vortrag wurde auf die Spannung zwischen Selbst- und Fremdzuschreibungen von Identität hingewiesen, die die Debatte um die Körperintegrität im Bereich der sogenannten Intersexualität konfliktuell prägen.

Christian Kind beleuchtete diese Problematik im Hinblick auf die pädiatrische Praxis, indem er folgende Aspekte ins Zentrum der Diskussion rückte: die fliessende Grenze zwischen Varianten der Entwicklung und vom Individuum selbst empfundene Gesundheitsstörung, die Spannung zwischen Körperintegrität und geschlechtlicher Identität und schliesslich die Frage nach dem Ziel von medizinischen Eingriffen. Angesichts der enormen Variabilität biologischer Organismen seien verallgemeinernde, theoretische Zugänge zwar hilfreich, zur Orientierung im klinischen Alltag jedoch differenziert zu rezipieren.

Der Beitrag aus psychologischer Sicht durch Nicola Grignoli hob die Kontinuitätslinie zwischen den Prozessen der Integrität der Person und der kollektiven, prozessualen Identität als eine Dimension von Zugehörigkeit und Abgrenzung gegenüber dem Anderen hervor.

V KÖRPERVERÄNDERUNGEN ALS HERAUSFORDERUNGEN AN DIE INTEGRITÄT DES KÖRPERS

Integrität steht in einem Spannungsverhältnis mit (zum Teil notwendigen) Manipulationen am Körper. In diesem Kontext nahm Jürg Streuli in «Grenzgänge an Körpern – Gedanken über die moralische Dimension von Körpermodifikationen» den normativen Faden wieder auf und erläuterte die Leistungen des Prinzips von Integrität im Anschluss an eine sozial-empirisch durchgeführte Studie bei Medizinern und Pflegenden.

Margot Michel führte eine rechtswissenschaftliche Herangehensweise an die Thematik ein. Der Ausgangspunkt bildete die juristische Bestimmung der Person als integre Einheit, die als nicht hinterfragbare Voraussetzung in der Rechtsprechung gilt. Auch in diesem Bereich wird vom Recht der Person auf körperliche Integrität und vom Recht auf Bestimmung der körperlichen Integrität gesprochen. In den Fällen eines Konflikts zwischen diesen Rechten spielt die Kategorie der Freiheit eine Rolle: Das Recht schützt die körperliche Integrität intensiv; in einer europäisch geprägten Auffassung findet die individuelle Freiheit ihre Grenze dort, wo die Würde des Individuums angetastet wird.

Alexander Ornella ergänzte die Debatte mit einer Betrachtung von Körper und Technologie. Angesichts unterschiedlicher (zum Teil futuristischen) Möglichkeiten, durch technologische Eingriffe die Leistungen des Körpers zu verbessern, stellt sich einerseits erneut die Frage nach der Kontextualisierung von Körperkonzepten und andererseits nach den fliessenden Grenzen des Körpers angesichts von Enhancement-Möglichkeiten.

DISKUSSIONSLINIEN

Der dreisprachige Workshop wurde intensiv zur Klärung von Begriffen, Positionen und Rückfragen genutzt, was sich nicht in einem linearen Diskussionsverlauf wiedergeben lässt. Manchmal wurde an Missverständnissen gearbeitet, die aufgrund der unterschiedlichen fachlichen Zugehörigkeiten entstanden oder aber aufgrund der unterschiedlichen Konnotationen, die «gleiche» Begriffe in den verschiedenen Sprachen tragen. Positiv aufgefallen ist das Engagement der Anwesenden am Workshop, die sich sehr aktiv an den Debatten beteiligt haben.

Als provisorisches Zwischenergebnis aus dieser Veranstaltung können folgende Diskussionslinien hervorgehoben werden:

  • Die Bestimmung von Körperintegrität muss immer in einem Kontext vorgenommen werden, was einerseits die Fokussierung und Klärung bestimmter Aspekte ermöglicht, andererseits jedoch andere unterbeleuchtet oder gar negiert. Der Körper und seine Grenzen sind kulturell und geschichtlich gewordene Grössen, sind beispielsweise von technologischen und medizinischen Möglichkeiten stark mitbestimmt.

  • Die Bedeutungen, die mit dem Körper generiert werden, sind als Prozesse zu verstehen, sind fluid und zum Teil widersprüchlich. Gelebte und durch die Kunst, Industrie und durch die Medien konstruierte Körperbilder sind dabei sehr zentral und beeinflussen sich gegenseitig.

  • Die westliche philosophische Tradition, die unsere Körperkonzepte stark prägt, ist mit einer Anthropologie verbunden, in der Rationalität dominierend ist. Die Frage ihrer Leistung in einer pluralisierten Welt, in denen vielfältige, ganz unterschiedliche Körperbildern koexistieren, bedarf weiterer Vertiefung.

  • Obwohl unterschiedliche Positionen zum Verhältnis zwischen Integrität und Identität vertreten waren, wurde deutlich, dass diese Begriffe wie zwei Seiten einer Medaille verknüpft sind: Zugehörigkeits- und Abgrenzungsprozesse sind eng mit der Auffassung des Körpers verbunden. Ob der Mensch primär als selbstständiges, rationales Wesen oder als Mitglied einer Gruppe mit einer spezifischen Funktion verstanden wird, beeinflusst massgeblich die Vorstellung von Körperintegrität. Dies wurde beispielweise deutlich in der wiederkehrenden Diskussion über die männliche Beschneidung oder in den Beispielen von asketischen Ritualen, in denen Schmerzen zugunsten des Wohls einer gesamten Gruppe bewusst zugefügt und ertragen werden.

  • Es ist einerseits notwendig, Begriffe und Konzepte theoretisch zu klären und sie deskriptiv zu bearbeiten. Dabei wurde es jedoch deutlich, dass normative Vorstellungen immer eine Rolle spielen und dass diese verschiedenen Ebenen kaum scharf getrennt werden können.

  • Damit verbunden ist die Spannung zwischen der Anwendung von Konzepten der Körperintegrität in einem theoretischen, analytischen Diskurs einerseits, und angesichts individueller Personen und Lebensformen vor allem in der medizinischen oder rechtlichen Praxis andererseits. Der Vergleich der zwei Ebenen führt zu gegenseitigen Lernprozessen. Die Vielfalt von Phänomenen, die Spannungen zwischen den vielfältigen Arten und Weisen, den Körper zu erleben, zu interpretieren, zu verändern, und zu verbessern, lassen sich kaum in eine Gesamttheorie erfassen.

Wir danken den Vortragenden, Moderatoren, Moderatorinnen und Teilnehmenden für die spannende Auseinandersetzung. Auch den Institutionen, die diesen Austausch ermöglicht haben, gilt unser Dank.

Interdisziplinäre Arbeit ist herausfordernd und produziert neue Einsichten, die auch in disziplinärer Hinsicht zu Innovation beitragen können.

Zürich, 16.09.2013

Daria Pezzoli-Olgiati, ZRWP/Commun(icat)ing Bodies

daria.pezzoli-olgiati@uzh.ch